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[Bloggequatsche] „Bin ich perfekt?“ – Über Body Positivity und Körperdarstellungen in Büchern

September 26, 2021

Schon länger habe ich überlegt zu dem Thema der Darstellung von Körpern in Büchern meine Gedanken niederzuschreiben. So sehr sich die Welt der Bücher auch immer weiter in eine Welt voller Gleichberechtigung und Diversität bewegt, so sehr hat sie an manchen Punkten noch ordentlich Bedarf aufzuholen. Ein besonderer Dorn in meinem Auge ist dabei das Thema der Körperdarstellung von Protagonisten. Und gerade, weil mich dieses Thema so sehr beschäftigt und meine Gedanken durcheinander wirbeln und mich wütend machen, fällt es mir schwer diese ganzen Emotionen in einen Text zu packen, dennoch möchte ich dies versuchen und hoffe, es ist mir gelungen.

Schlank, Schlanker, Protagonist*innen

Egal welches Genre, egal welches Geschlecht, immer wieder fällt es auf, immer wieder der Leser bewusst darauf gestoßen. Figuren in Romane sind schlanker als alle anderen, sie werden mit Attributen wie „dünn“, „zierlich“, „schlank“ oder ähnlichem beschrieben. Ich möchte an dieser Stelle bewusst keine Bücher zitieren, in denen mir dies besonders negativ aufgefallen ist, sondern ich denke, dass jede*r Leser*in diese Erfahrung entweder bewusst oder unbewusst schon gemacht hat. Doch wieso wird dies immer wieder betont niedergeschrieben? Unsere Gesellschaft zieht bewusst schlanke Menschen vor, dass ist eine historische Entwicklung, die sich durch Digitalisierung, noch einmal im Besonderen verstärkt hat. Menschen, welche nicht als schlank deklariert werden, erhalten von der Gesellschaft immer wieder den Eindruck, dass sie nicht dazugehören, schnell werden Eigenschaften wie „faul“ und „dumm“ damit assoziiert. Denn ganz trivial ausgedrückt, ist man eben einfach zu faul und unwissend, um dem Ideal des Schlankseins zu entsprechen. Schlank gilt somit als perfekt. In dem Medien, egal ob Film, Buch oder Serie, dies noch direkt oder indirekt durch Besetzungen und Figurenbeschreibungen untermauern, wird auch die nächsten Generation mit diesem Symbolbild für den Körper aufwachsen. In meinen Augen fühlt sich das nicht richtig an und lässt sich auch nicht vereinbaren mit all den Werten im Sinne des Body Positivity.

Richtig interessant wird es dann, wenn wir uns Bücher anschauen, in denen die oder der Protagonist*in nicht dem angeblichen Ideal entspricht. Dann wird auch gern direkt im Klappentext damit geworben, dass eine „unperfekte“ und „übergewichtige“ Frau ganz unverhofft die Aufmerksamkeit eines Mannes erweckt, als ob dies absolut unwahrscheinlich und ungewöhnlich ist. Es gilt als geradezu unnormal, dass man sich einfach in eine Person verliebt, egal welchen Körper sie besitzt. Es macht mich wütend, wenn ich so etwas in Klappentexten lese. Und ja, ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, wie toxisch es ist, wenn wir ein Buch direkt damit bewerben, dass hier „endlich auch mal die übergewichtige Freundin“ den Mann des Lebens findet. Auch ich gehörte zunächst zu denen, welche es feierten und damit Werbung machten, mittlerweile bin ich weiter und verstehe viel mehr, wie falsch und toxisch dieses Konzept ist. Wieso wir nicht von „normal“ oder „unnormal“ sprechen sollten, wieso es kein „unperfekt“ oder „perfekt“ bei Körpern gibt. Und leider muss ich gestehen, dass gerade die Genres Young Adult und New Adult für mich hier besonders auffallen, und dabei richten sich genau diese Genres an junge Menschen, denen wir doch vermitteln sollte, das jede*r auf seine eigene Art schön und wundervoll ist oder nicht? 

Was ich mir wünsche

Natürlich könnte ich jetzt noch lang und breit mich drüber beschweren, wie sehr es mich nervt, dass unsere Gesellschaft so tickt und dass dieses angebliche Idealbild einer Person immer wieder reproduziert wird und dazu führt, dass Kinder und Jugendliche bis heute ihre Körper in Schemen pressen wollen, die gar nicht notwendig und viel zu oft ungesund sind. Was ich mir stattdessen wünsche? Das wir es der Fantasie der Leser*innen überlassen, wie die Figuren in einem Buch aussehen. Körperformen sind nicht entscheidend für ein Leseerlebnis, auch ohne Beschreibungen des Körpers kann ich intime Szenen in einem Buch genießen. Ein Bauch über den ein Finger fährt, um ein erotisches Knistern zu erzeugen, bleibt auch dann ein Bauch den man berühren möchte, ohne das ich vorab lang und breit als Autor*in erklären muss, wie schlank oder dünn die Figur ist. In meiner Vorstellung braucht es das nicht, die Fantasie der Leser*innen kann durch grobe Informationen ausreichend angeregt werden (z.B. Haarfarbe, Augenfarbe und Piercings sowie Tattoos). Stellt euch einmal selbst die Frage, ob ihr tatsächlich nähere Beschreibungen benötigt oder ob die Fantasie nicht ausreichen sollte? Mir ist klar, dass das bei manch erotischer Szene schwierig werden könnte, und natürlich ist es jede*r Autor*in freigestellt, wie letztendlich Figuren und Szenen beschrieben werden. Ich hoffe dennoch, dass wir vielleicht irgendwann soweit sind, dass wir nicht mehr das ungesunde Bild der Körper reproduzieren und das beziehe ich nicht auf weiblich gelesene Körper, sondern auch auf männliche. Die nächste Generation sollte frei aufwachsen, ohne Formen und Schablonen in die sie sich pressen müssen um als perfekt zu gelten, stattdessen sollen sie sein wer sie sind, und das sollte sich meiner Meinung nach auch in den Medien widerspiegeln, welche einen großen Teil des Alltags eben dieser Generationen ist.

Ihr seid gefragt

Das Thema brennt mir auf der Seele und das nicht erst seit gestern, dennoch habe ich das Gefühl, darüber zu schreiben ist „verboten“, denn es ist natürlich die Freiheit der Autoren zu entscheiden was sie schreiben und ich will wirklich niemanden in dieser Freiheit begrenzen oder beschneiden. Ich möchte nur ein Bewusstsein schaffen für dieses Thema und Präsenz zu geben. Und vielleicht liest jemand diesen Text und entscheidet sich bewusst in einem neuen Text oder Buch für eine andere Darstellung der Körper. Ich muss auch an der Stelle noch einmal erwähnen, dass ich natürlich dennoch weiterhin alle Bücher, die mir zusagen lesen werde, auch wenn mir manche Körperdarstellung nicht zusagen. Dies wird sich auch nur sehr, sehr selten in meinen Rezensionen wiederfinden und meine Bewertung zu Büchern beeinflussen. Das macht da Thema für mich dennoch nicht uninteressanter oder gar unwichtig. Was denkt ihr dazu? Wie sieht eure Meinung aus? Lest ihr geflissentlich darüber hinweg? Achtet ihr bewusst darauf? Ist es euch auch bereits aufgefallen?

Eure Sandra

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  1. Sehr interessanter Beitrag! Ich habe auch schon öfter darüber nachgedacht, vor allem weil Protagonist*innen, die nicht den gesellschaftlichen Vorstellungen entsprechen, extra hervorgehoben werden (müssen).
    Allerdings ist es für mich so, dass ich 3 Sekunden nachdem ich eine Charakterbeschreibung gelesen habe, sowieso wieder vergesse, wie der Charakter eigentlich aussieht. Und wie du sagst, die Fantasie macht dann das Übrige. Und auch wie du, fände ich es schön, einfach andere Beschreibungen von Charakteren zu haben, welche bei denen die Leserschaft ihre eigenen Vorstellungen haben können.
    Wo eben auch normalisiert wird, dass alle Körperformen normal sind, aber dazu sind Schönheitsideale einfach noch so sehr in der Gesellschaft verankert, dass es bis dahin noch eine Weile dauern dürfte 🙁
    Liebste Grüße & einen schönen Start in die Woche!
    Katja

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